Skitouren für Nicht-Skifahrer
© Mark Harris 1997
Einige Leute haben versucht, mich davon zu überzeugen,
daß ich Berichte über meine Skitouren schreiben sollte,
aber da ich auf diesem Gebiet recht neu war, fragte ich mich,
was ich denn überhaupt anzubieten hatte, verglichen mit
den vielen guten Ratschlägen, die es von erfahrenen Outdoor-Experten
gibt. Dann erkannte ich das Besondere an mir: Unerfahrenheit.
Vor 18 Monaten waren die 3 km zur Arbeit und zurück das
Weiteste, was ich jemals an einem Tag gefahren war, und bevor
ich den großen Schritt wagte, zu einem 10 km entfernten
See zu fahren, prüfte ich den Busfahrplan für den Fall,
daß ich den Rückweg nicht schaffen würde.
Aber im letzten Monat bin ich im nördlichen Lappland
300 km Ski gefahren, und ich habe schon Ideen für eine Tour
im nächsten Jahr. Ich bin kein großer Athlet, habe
einen Schreibtischjob, und ich habe mich nicht für Sport
interessiert, bis ich 30 war. Was ich daher vielleicht anbieten
kann, indem ich meine Wandlung von einem skeptischen Nicht-Skifahrer
zu einem Enthusiasten für nordische Trails beschreibe, ist
eine Ermutigung für Leute, die gerne eine Tour machen möchten.
Wenn Du gerne draußen in der Natur bist und im Sommer gerne
wanderst, dann werden Dir sicher auch Wintertouren gefallen.
Winter-Camping ist etwas anderes, und um es genauer zu sagen,
ich glaube, daß Winter-Camper verrückt sind.
Ich bin ein Engländer, der ins südliche Schweden
verpflanzt wurde, und meine erste Erfahrung mit Skilanglauf hatte
ich vor ein paar Jahren, als ich einen Forstarbeiter besuchte,
der mir ein Paar seiner Ski lieh. Stell Dir einen riesigen schwedischen
Forstarbeiter vor. Stell Dir seine Ski vor. Jetzt stell Dir einen
170 cm großen Chemiker vor, der sie an seinen Füßen
hat. Lustig, oder nicht ? Nicht für mich, denn sie waren
so steif, daß ich nicht fest genug auftreten konnte, um
sie auf den Boden zu drücken, damit das Steigwachs greifen
konnte. Daher mußte ich die Skating-Technik einsetzen,
allerdings waren sie auch unglaublich lang, so daß ich
nur bei jedem Schritt auf den anderen Ski trat. Es endete damit,
daß ich mich mit den Stöcken vorwärts schob,
was sehr ermüdend und schwierig war. Meine letzte Erinnerung
an diesen Tag ist, daß ich an einem leichten Gefälle
die Kontrolle verlor und gegen einen Baum fuhr auf eine Weise,
wie häufig in Cartoons zu sehen ist.
Wieder waren die Ski zu lang, um sie beide auf die gleiche
Seite des Baumes zu bringen, und jeder Versuch endete mit einer
erneuten Umarmung des Baumes. Ich bin sicher, daß mein
Freund mir geholfen hätte, wenn er nur hätte aufhören
können zu lachen. Meine erste Lektion: Du brauchst Ski mit
der richtigen Länge und Festigkeit für Deinen Körper.
Die besorgte ich dann ein paar Jahre später mit der Absicht,
damit einmal zur Arbeit zu fahren, so daß ich dann gelegentlich
bei meinen Freunden zu Hause die Bemerkung fallen lassen konnte
"als ich mit den Skiern zur Arbeit fuhr". Es waren
Rennski und sie waren eine Herausforderung, mit der ich nicht
gut zurechtkam, aber ich entdeckte, daß sie mich in Gegenden
bringen konnten, die zu Fuß schwer zu erreichen gewesen
wären, und daß man mit einem schweren Rucksack weniger
Ski fährt als vielmehr geht, nur eben mit Skiern an den
Füßen. Meine zweite Lektion: Gutes Skifahren ist ziemlich
schwer und nicht schon von sich aus ein Spaß, aber sogar
schlechter Skilanglauf ist eine nützliche Fortbewegungsart.
Ein Traum begann sich zu entwickeln - konnte ich eines
Tages das Undenkbare tun und auf eine Übernacht-Skitour
gehen ? Nein, sicher nicht, aber ich wollte das im Auge behalten.
Ich fuhr 10 km an einem Tag, wiederholt, und ich schien es zu
überleben. Ich fuhr zu dem 10 km entfernten See und nahm
nicht den Bus nach Hause. Wow! Das war weiter als der
Abstand zwischen den Hütten auf den Trails. OK, es war ein
einziger Tagestrip mit minimalem Gepäck und einem bequemen
Haus, in das ich abends zurückkam, aber es war ein Durchbruch.
Ich fragte meine schwedischen Freunde,
was sie über meine Idee dachten, eine Wintertour zu machen.
"Wahrscheinlich wirst Du das nicht überleben",
sagten die einen. "Oh, ich wünschte, ich könnte
mitkommen", sagten die anderen (ich weiß nicht, ob
da ein "weil Du das sonst nicht überleben wirst"
eingeschlossen war). Ich spürte, daß jetzt meine Chance
war, den Sprung zu schaffen - ich war ohne Job und hatte die
Zeit, zu planen und zu trainieren. Es würde schwer werden,
mich später mit einer Arbeitsstelle dieser Sache so widmen
zu können. Ich las alles, was es darüber zu lesen gab,
holte alles an Informationen aus meinen Freunden heraus, und
in einer Nacht schlief ich draußen im Schnee, nur mit
Schlafsack, Decke und Liegematte, um mich davon zu überzeugen,
daß ich es überleben würde, falls es soweit kommen
sollte.
Mit einem Winterschlafsack und einer Balaclava war es nicht
kälter als in vielen anderen Nächten, die ich auf Sommerwanderungen
verbracht habe. Es war sicher nicht zu warm, aber wenn Du etwas
Camping-Erfahrung hast, dann wette ich, daß Du schon kältere
Nächte gehabt hast. Mir war beim Skifahren selten kalt,
nicht so oft wie im Sommer, wenn ich keine Daunenjacke zur Hand
hatte. Meine dritte Lektion - mit geeigneter Ausrüstung
ist Kälte auf Wintertouren kein größeres Problem
als auf Sommertouren (außer Du liest das auf Hawaii). Und
Du mußt sehr viel Pech haben, um dem zu begegnen, was am
meisten auskühlt: Regen. Die Sachen bleiben im Winter trocken,
ausgenommen das, was Du am Körper trägst. OK, ich weiß,
das jedes Jahr Leute in den Bergen erfrieren. Ich will auch nicht
sagen, daß das ein risikoloses Unternehmen ist, aber wenn
Du vorsichtig die Risiken abwägst und überlegt handelst,
dann bist Du sicherer als zu Hause auf der Autobahn. Diese Ermutigung
wird sich etwas abschwächen, wenn Du die Tourberichte liest,
denn dort habe ich auch ein paar von den schlechteren Bedingungen
beschrieben. Es gibt keinen Zweifel, daß es auch übel
zugehen kann, aber wenn du vorbereitet bist, es auszusitzen,
wenn das Wetter schlecht ist oder schlecht zu werden droht, dann
wird es schon gehen.
Aber ich war immer noch unsicher, bis ich eine Freundin
im Norden anrief. "Werde ich Skifahren in Lappland überleben
?" fragte ich sie. "Tarredalen", sagte sie. Schweden
geben oft lustige Laute von sich, wenn man sie etwas fragt (man
nennt es Schwedisch), aber diesen hatte ich vorher noch nicht
gehört. Sie erklärte, daß es leicht sei, den
Tod im Tarredalen zu vermeiden, denn es ist ein tiefes Tal auf
dem Padjelantaleden, vom schlechtesten Wetter abgeschirmt, mit
Hütten in kurzen Abständen, und um mich dort zu verirren,
würde ich einige hundert Meter auf kurzer Distanz klettern
müssen. Die ersten 40 km waren unterhalb der Baumgrenze.
Noch besser, ich konnte sogar bei Ihnen in Jokkmokk bleiben,
eine Busfahrt vom Startpunkt in Kvikkjokk entfernt, und auf geeignetes
Wetter für meinen 4-Tage-Trip warten. Ich war überzeugt.
Ich begann mein Gepäck zusammenzusuchen, dachte alle
Eventualitäten durch und nahm noch mehr Gepäck dazu,
bis ich 15 kg erreicht hatte, meine persönliche Grenze für
den Rucksack. Das Gepäck war perfekt, und meine Ausrüstungsliste
hat sich seitdem auch nur noch wenig geändert. Die 5 extra-Kilogramm,
die in der Liste aufgeführt sind, bestehen z.B. aus dem
Inhalt der Wasserflaschen und Schokoladenvorrat für den
Zug. Einige Macho-Typen gehen mit 10 kg, Du kannst Dir das auch
mal anhören und entscheiden, wie viel von meinem Gepäck
Du zu Hause lassen kannst. Ausrüstungslisten sind eine persönliche
Angelegenheit, aber ich denke, daß es ein paar extra-Kilogramm
wert ist, wenn man sich keine Gedanken machen muß, falls
man bei schlechtem Wetter nicht mehr weiterkommt, oder man vielleicht
so gar weitergehen kann, während die 10 kg-Leute noch einen
Tag in der Hütte bleiben. Meine Rennski waren zu schmal
für Tiefschnee, und so kaufte ich noch ein paar wundervoller
Armee-Offiziers-Ski aus Holz von einem Second-Hand-Shop für
DM 15,-, und ließ mir noch schnell beibringen, wie man
eine solche Antiquität teert und wachst.
Jetzt war ich bereit. 15 Stunden auf dem Zug, und ich war
in Jokkmokk und übte, wie man mit 20 kg auf dem Rücken
in Tiefschnee fällt. Niemand erklärt einem das, ich
habe alle verfügbaren Bücher gelesen, und in keinem
ist erwähnt, daß es schwierig ist, wieder hochzukommen,
selbst wenn der Schnee nur einen Meter hoch ist und Du richtig
herum liegst. Ich habe auch kein gutes Rezept (obwohl es vielleicht
jemanden gibt, der eines hat), aber ein gutsitzender Rucksack
ist unbedingt notwendig, und wenn Du die Ski abnimmst, um wieder
hochzukommen, dann paß auf, daß sie nicht abhauen,
denn mit Gehen oder Schwimmen kommst Du nicht weit. Nachdem ich
das und noch einiges andere gelernt hatte, war alles, was ich
brauchte, eine gute Wettervorhersage, bevor ich ins Tarredalen
zog.
(Deutsche Übersetzung Kurt Bangert)
Zurück
Zur
Homepage von Mark Harris
|