TOURTAGEBUCH
HARDANGER VIDDA
im April 2002
von Rolf Vallendar, Regensburg
Kurzbeschreibung:
Hardanger Vidda-Skitour mit einer kleinen Pulka von Ustaoset
über Tuva, Heinseter, Rauhellern, Sandhaug, Hadlaskard,
Torehytten, Litlos, Hellevassbu nach Haukeliseter im April 2002
bei gutem Wetter und auf Routen mit Wintermarkierungen.
Montag, 15.04.02:
Der Nachtzug von Oslo nach Bergen kommt um 04.30 h in Ustaoset
an - einer kleinen Bahnstation zwischen Geilo und Finse. Es ist
sternklare Nacht, windstill und recht mild, vielleicht minus
10 Grad. Im beheiztem Bahnhofswarteraum warte ich bis zum Tagesanbruch
und starte gegen 06.30 h meine erste Tagesetappe, die mich über
Tuva und Heinseter bis nach Rauhellern führen wird, insgesamt
ca. 35 km. Die Route bis nach Rauhellern soll laut DNT ausgesteckt
sein. Für die restliche Tour hoffe ich, dass noch die über
Ostern gesteckten Wintermarkierungen vorhanden sind. Selbstverständlich
habe ich Kartenmaterial, Kompass und GPS sowie den DNT-Skiführer
dabei. Ich laufe zunächst in südl. Richtung über
den Ustevatn bis zu einer kleinen Hüttensiedlung und steige
dort ca. 350 m bis zum Fjellrand auf. Mein Rucksack, der ca.
22 kg wiegt, liegt auf einer kleinen Pulka, einem umgebauten
PE-Kinderschlitten. Zwei Bambusstangen aus dem Gartenfachhandel
und ein ausrangierter Rucksackhüftgurt bilden das Zuggeschirr.
Mit den Steigfellen unter den Skiern, die ich aufgrund der Pulka
die ganze Tour über dranlassen werde, bereitet mir der Aufstieg
keine Probleme, obwohl der Altschnee am frühen Morgen noch
recht eisig ist. Oben auf dem Fjell folge ich im relativ flachen
Gelände den Wintermarkierungen weiter nach Süden bis
nach Tuva, einer privaten Touristenhütte, die ich nach 2,5
h erreiche. Die Sicht ist gut. Der Himmel ist mit hohen Schleierwolken
bedeckt. Ohne eine Pause zu machen gehe ich nach Heinseter weiter,
nehme dabei eine kleine Anhöhe bis zu einem Sattel bei Grasnuten,
wo sich ein paar Hütten neben dem Weg befinden. Es folgt
dann eine flotte Abfahrt ins Heintal bis nach Heinseter. Ich
fahre Schuss. Die Steigfelle unter den Skiern bremsen die Abfahrt.
Meine Pulka rumpelt und poltert hinter mir her, kippt aber nicht
um und bleibt in meiner Spur. Gegen 12.15 h mache ich in Heinseter
eine kurze Teepause. Es ist nun sehr warm, deutliche Plusgrade.
Der nasse Schnee durchfeuchtet meine Steigfelle, die ich dummerweise
daheim nicht imprägniert habe. Ca. 1.5 km hinter Heinseter
liegt eine offene Windschutzhütte gleich am Weg nach Rauhellern.
Ich bin neugierig und trete ein. In der Hütte befinden sich
eine Bettpritsche, ein Tisch, 2 Stühle und ein kleiner Ofen
ohne Feuerholz. Ich laufe weiter nach Rauhellern. Inzwischen
ist es wieder etwas kälter geworden und der Schnee stollt
in großen Klumpen unter den Steigfellen. Ausgerechnet jetzt
habe ich einen größeren Anstieg zum Langesjoen und
kann die Felle nicht abziehen. Ich muss die Schneeklumpen alle
10 Minuten runterkratzen. Des weiteren bemerke ich nun, dass
meine Pulka zu toplastig bepackt ist. Sie kippt häufiger
um, wenn ich quer zum Hang laufe. Gegen 16.30 h erreiche ich
etwas entnervt Rauhellern, das aus mehreren Hütten besteht
und am Ufer des Langesjoen liegt. Rauhellern ist jetzt 2 Wochen
nach Ostern nicht mehr bewirtschaftet und es dauert ein paar
Minuten bis ich die abseits liegende Selfservice-Hütte finde.
In der Hütte befinden sich bereits 2 Finnen. Ich trage neben
meinen Rucksack auch die Skier in die Hütte, um die Steigfelle
zu trocknen und hänge meine durchgeschwitzte Bekleidung
zum Trocknen auf. Die Hütte ist gut beheizt, den Finnen
sei gedankt. Ich bin sehr durstig, trinke Unmengen an Tee und
bereite mir ein Essen aus meinem Rucksack zu. Beim Essen schlafe
ich fast ein. Die lange Tagesetappe, die Dehydrierung und die
Zuganreise aus Bayern waren wohl doch etwas zu heftig. Nach dem
Essen nicke ich ein. Als ich gegen 22 Uhr noch mal aufwache,
bemerke ich, dass es draußen noch hell ist. Die Dämmerung
setzt gerade ein. Jetzt im April sind die Tage hier in Norwegen
bereits deutlich länger als in Bayern.
Dienstag, 16.04.02:
Ich wache kurz nach 06.00 h auf. Der Luftdruck ist über
Nacht stabil geblieben und draußen scheint es recht sonnig
zu werden. Ich heize den Ofen wieder an, frühstücke
rasch und koche das Teewasser für die Thermoskanne. Anschließend
zahle ich den Übernachtungsbetrag in die Hüttenkasse
und verabschiede mich von den beiden Finnen, die heute nach Kjeldebu
laufen wollen. Mein heutiges Tagesziel ist Sandhaug. Die Tagesetappe
wird ca. 25 km betragen. Ich packe den Rucksack um, damit die
Pulka weniger toplastig wird, wenn der Rucksack darauf geschnallt
wird. Gegen 7.30 h starte ich und laufe zunächst 6 km auf
dem Langesjoen nach Westen bis ich eine Landzunge erreiche. Auf
dem See ist keine Wintermarkierung gesteckt, aber am Seeufer
kann ich die Sommerwegzeichen gut erkennen. Der Schnee war bislang
im Mittel etwa einen halben Meter tief, stellenweise ist das
Gelände schon ausgeapert. Mulden und Kanten, wo sich Triebschnee
sammeln könnte, gibt es hier im östlichen, flachen
Teil der Hardanger Vidda kaum. Bei einem Sturm säße
ich wie auf einem Präsentierteller und hätte kaum eine
Möglichkeit mir eine Schneehöhle zu graben. Ich habe
einen atmungsaktiven Biwaksack mit, den ich mit meinen Skiern
zu einem Notzelt aufstellen könnte. Des weiteren achte ich
auf dem Weg auf jede Hütte und größere Felsbrocken,
die mir im Notfall Windschutz bieten würden. Ich verlasse
den See und steige eine sanfte Anhöhe hinauf. Von dort habe
ich einen guten Überblick auf die nächsten km des Weges.
Ich kann jetzt wieder den markierten Winterweg und 2 Scooterspuren
erkennen, die nach Sandhaug führen. Es ist noch keine 10.00
h und bereits tierisch warm. Ich mache oben auf der Kuppe der
Anhöhe eine längere Pause und krame den Tee, die Sonnenbrille
sowie Sonnenhut und Sonnencreme aus dem Rucksack. Prima, heute
komme ich schneller voran als erwartet. Die Scooterspur wird
mit Skiern gut begehbar sein - ich schätze, dass ich gegen
14.00 h in Sandhaug ankommen werde. Die Bergkuppe bietet einen
guten Panoramablick auf eine winterliche Seenlandschaft. Unter
mir sehe ich das Seeende und die Fischerhütte Nilsbu. Ich
hätte auch den Langesjoen-See ganz auslaufen können.
Direkt am Sommerweg nach Sandhaug soll auch noch eine weitere
Hütte (Knutsbu) sein. Ich halte Ausschau, kann aber die
Hütte nicht finden. Dafür beobachte ich ein Schneehuhnpaar
im Tal. Ich sehe sogar einen Fuchs, der den Schneehühnern
erfolglos nachstellt. Nach einen kleinen Abfahrt erreiche ich
die Scooterspuren und folge ihnen im leichten Bergauf und Bergab
bis ich gegen 14.00 h Sandhaug am östlichen Ende des Nordmannslagen
erreiche. Auch hier ist die bewirtschaftete Hütte geschlossen.
Die Selfservice-Hütte finde ich auf Anhieb. Ich bin der
einzige Gast auf der Hütte und werde es auch bis zum nächsten
Tag bleiben. Ich schaue mir das Hüttenbuch an. Jetzt, nach
Ostern, wird die Hardanger Vidda kaum noch begangen. Komisch,
denn die Schnee- und Wetterverhältnisse sind eigentlich
ideal. Ich koche etwas, trinke Tee und Kaffee, stöbere in
einigen Zeitschriften herum, wasche sogar meine Socken und das
Unterhemd, um die Zeit bis zum Abend totzuschlagen. Ich bin ein
wenig traurig, dass ich in Rauhellern kaum mit den beiden Finnen
gesprochen habe. Ich war am Vortag einfach zu müde.
Mittwoch, 17.04.02:
Ich wache wieder gegen 6.00 h auf, heize schnell den Ofen an
und verkrieche mich wieder ins Bett bis die Hütte warm wird.
Draußen ist es ein bisschen windig und bewölkt, der
Luftdruck ist über Nacht ein wenig gefallen. Ich beeile
mich mit dem Frühstücken und dem Klarmachen der Hütte.
Ich möchte zeitig aufbrechen und früh am Tage in Hadlaskard
ankommen, weil ich eine Wetterverschlechterung befürchte.
Der ca. 20 km lange Weg bis nach Hadlaskard ist noch von Ostern
her zum größten Teil ausgesteckt. Ich laufe zunächst
auf dem Nordmannslagen-See in nordwestliche Richtung. Die Altschneeauflage
auf dem Eis ist recht rau und die Pulka bremst etwas beim Gehen.
Am Westufer des See liegt unübersehbar Bessa, eine private
Touristenhütte, die jetzt geschlossen ist. Ich folge den
Stecken bis zum nordwestlichen Ende des Sees, wo sich ein paar
Hütten befinden. Nach einem kurzen Anstieg, erreiche ich
ein Tal mit weiteren Hütten. Der Charakter der Hardanger
Vidda ändert sich merklich. Es wird bergiger. Im Westen
kann ich zum ersten Mal den Harteigen sehen. Ich durchquere das
Tal bis zu einer weiteren Hütte an einer Flusseinmündung.
Von dort führt ein mittelsteiler Anstieg zu einem weiteren,
höherliegenden Tal. Das schlauchartige Tal verläuft
zwischen dem Store Granuten (1600 m) und dem Smagranuten in westl.
Richtung fast direkt nach Hadlaskard. Am Talende folgen ein kurzer
Gegenanstieg und dann eine steile und kurvenreiche Abfahrt an
der Flanke des Kisteskardnuten bis nach Hadlaskard. Ich bin froh,
die Steigfelle unter den Skiern zu haben, da sie bremsen und
eine kontrollierte Abfahrt ermöglichen. Die Pulka kippt
zu meiner großen Überraschung kein einziges Mal um.
Gegen 13.30 h erreiche ich die Selbstbedienungshütte Hadlaskard.
Hadlaskard ist ein schöner ehemaliger Bergbauernhof, der
in einem Tal auf 950 m Höhe liegt. Das Tal wird von 1600
m hohen Bergen umrahmt, die zum Teil recht steil und ausgeapert
sind. Die Gegend wirkt schon eher alpin als fjellartig. Von der
Hütte aus kann man sogar zum Harteigen blicken. Leider ist
jetzt die Sicht ein wenig dunstig. Dafür weht hier im Tal
kein Wind. Ich betrete die Hütte, die sehr großzügig
eingerichtet ist und bemerke zu meiner Überraschung, dass
der Ofen im Wohnzimmer noch brennt, obwohl niemand in der Hütte
ist. Diverse persönliche Ausrüstungsgegenstände
liegen im Wohnzimmer herum. Nach 2 Stunden betreten 3 sehr rüstige
Pensionäre aus Sachsen die Hütte, die einen kleinen
Ausflug auf einem der Hausberge gemacht hatten. Der restliche
Nachmittag sowie der Abend werden amüsant. Die 3 Sachsen
sind alte Bergsteiger, die im Elbsandstein das Klettern gelernt
hatten und dann zu DDR-Zeiten Bergtouren im gesamten Ostblock
machten und dabei bis in den Pamir kamen. In den rumänischen
Karpaten, mussten Sie bei Ihren Skitouren häufiger abends
einen Iglu bauen, weil es dort keine Berghütten gab. Die
Abenteuer- und Reiselust der Sachsen ging so weit, bis sie eines
Tages Ärger mit der Stasi bekamen, weil Sie im Pamirgebirge
in einem Sperrgebiet erwischt wurden und die russische Armee
das natürlich den DDR-Behörden weitermeldete. Die Sachsen
sind von Haukeliseter aus gestartet und wollen bis Finse weitergehen.
Von ihnen erfahre ich, dass die Winterwege bis nach Haukeliseter
noch zum größten Teil markiert sind.
Donnerstag, 18.04.02:
Ich wache wieder recht früh auf. Der Luftdruck ist über
Nacht deutlich gefallen. Draußen ist schaut es aber gar
nicht so übel aus, eine hohe Wolkendecke, kaum Wind, gute
Fernsicht. Ich habe heute vor, zu den Torehytten, die an einem
See nordwestlich vom Harteigen liegen, zu laufen, dort eine kurze
Pause zu machen und dann weiter bis nach Litlos zu gehen, wenn
das Wetter mitspielt. Es gäbe auch eine direkte Winterroute
von Hadlaskard nach Litlos, die sogar windgeschützter sein
soll. Ich möchte mir aber den Harteigen und die Hütten
aus der Nähe betrachten. Ich hatte in einem Norwegenbuch
eine sommerliche Fotografie von den Torehytten gesehen - und
war sehr beeindruckt. Die Sachsen stehen ebenfalls zeitig auf,
wir machen die Hütte klar und verabschieden uns draußen
vor der Hütte. Der wintermarkierte Anstieg zu den Torehytten
folgt zunächst dem Sommerweg bis nach Viersdalen. Dort gehen
die Markierungen weiter in Richtung des 1600 m hohen Harteigen.
Es folgt ein steiler Aufstieg auf ein 1400 m hohes Plauteau,
das zwischen dem Harteigen und den Hütten liegt, und von
dort eine schöne Abfahrt zu den Torrehytten, die am Seeabfluss
liegen . Beim Anstieg war das Gelände ein wenig unübersichtlich,
ein Gewirr aus Tälern, Seitentälern und steilen Stufen,
die umgangen werden mußten. Ich bin froh, dass der Winterweg
markiert ist. In den beiden Torehytten ist kein Mensch. Es ist
erst 11 Uhr. Der Weg von Hadlaskard nach Torhytten betrug 12
km mit ordentlichen Anstiegen. Das Wetter bleibt stabil. Nach
einer kurzen Teepause laufe ich weiter, in der Hoffnung im 16
km entfernten Litlos auf Skiwanderer zu treffen. Von den Torehytten
gehen mehrere markierte Winterwege ab. Ich laufe bis zum Südende
des Hüttensees und steige von dort einen Flusslauf zwischen
dem Harteigen und dem Harteigenhaene hinauf. Oben angekommen
trifft der Winterweg direkt am Fuß des Harteigen wieder
auf dem Sommerweg nach Litlos. Eine Gipfelbesteigung des Harteigen
erspare ich mir, weil der Anstieg bei Vereisung tückisch
sein soll - es gab schon tödliche Unfälle. Über
Grytenuten und Grondalen laufe ich mit einigen Anstiegen und
Abfahrten bis nach Litlos am Litlosvatnet. Die Landschaft behält
ihren bergigen Charakter, es ist jedoch nicht mehr so schroff
wie am Harteigen. Die Schneehöhe ist hier deutlich höher
als in den letzten Tagen. Das Gelände bietet hier sogar
einige Möglichkeiten für einen Schneehöhlenbau
an. Ab und zu fliegt ein Verkehrsflugzeug über mir hinweg
und zieht breite Kondensstreifen hinter sich her: ein Zeichen
für eine anstehende Wetterverschlechterung. Ich komme kurz
vor 15.00 h in Litlos an und finde auf Anhieb die Selfservice-Hütte
neben dem Hauptgebäude. Am frühen Abend kommen noch
5 Norweger, die heute von Haukeliseter über Hellevassbu
bis nach Litlos gelaufen sind. Eigentlich wollten die Norweger
in Hellevassbu übernachten. Die Hütte war aber mit
einer Schulklasse belegt. Deswegen liefen die Norweger weiter.
Am Abend steigt in der Hütte eine Party. Die Norweger haben
2 Flaschen Weinbrand dabei - wohl auch ein Grund, dass sie nicht
bei der Schulklasse übernachten wollten.
Freitag, 19.04.02:
Das Aufstehen und Klarmachen der Hütte verläuft heute
nicht so zügig. Ich starte erst gegen 9.30 h und verabschiede
mich von den Norwegern, die heute nach Tyssevassbu laufen wollen.
Mein heutiges Tagesziel ist Hellevassbu, ca. 17 km entfernt.
Die Wetterverschlechterung ist noch nicht eingetreten. Der markierte
Winterweg weicht recht deutlich vom Sommerweg ab. Ich laufe über
dem Litlosvatnet und Kvennsjoen in südwestl. Richtung bis
ich 3 Fischerhütten erreiche. Dort ist ein steiler Anstieg
von 200 Höhenmetern angesagt. Der Winterweg läuft nun
auf einem 1400 m hohen Plateau mit diversen kleineren Bergseen
in südl. Richtung bis zu einer Abfahrt, die ins Björndalen
runterführt. Nach der Taldurchquerung folgt wieder ein Anstieg
zu einem weiteren See auf 1300 m Höhe und weiter durch einen
Bergsattel (1400 m Höhe) zwischen dem Buanuten und dem Sandviknuten.
Nach dem Bergsattel kommt die Selbstversorgerhütte Hellevassbu
in Sicht, die am Hellevatnet auf 1170 m liegt und die ich nach
einer schönen Abfahrt gegen 14.00 h erreiche. Die selbstbediente
Hütte mit Haupthaus, Holz- und WC-Schuppen und Sicherheitshütte
liegt sehr schön und ist großzügig eingerichtet.
Im Wohnzimmer befinden sich sogar eine kleine Bücherei und
ein UKW-Radio. Die Hütte ist leer. Die Schulklasse ist heute
morgen wieder nach Haukeliseter zurückgelaufen. Da heute
Freitag ist, rechne ich eigentlich damit, dass heute noch ein
paar Skiwanderer von Haukeliseter zur Hellevassbu laufen. Als
die Dämmerung einsetzt, stelle ich sogar eine Kerze ins
Fenster. Es kommt aber niemand. Ich bin und bleibe heute der
einzige Übernachtungsgast auf der Hütte.
Samstag, 20.04.02:
Die Wetterverschlechterung ist nun eingetreten. Die Wolkendecke
ist geschlossen und hängt tiefer. Der Wind hat auch wieder
aufgefrischt. Aber die Sicht ist noch gut. Da meine heutige Tagesetappe
ca. 25 km beträgt, starte ich recht frühzeitig. Der
markierte Winterweg verläuft östlich der Sommerroute
. Gleich nach der Hütte ist ein kräftiger Anstieg zu
bewältigen. Es geht im Bergauf und Bergab östlich am
markanten Simletind vorbei bis zur kl. Hütte Knutsbu. Von
dort verläuft der Winterweg auf einer kleinen Seekette bis
zum Armotvatni. Am Südende des Sees mache ich an einer Fischerhütte
eine Teepause. Ich bin gut vorangekommen. Bis nach Haukeliseter
sind es noch 8 km Luftlinie. Ich habe noch einen größeren
Anstieg zum Vesle Nup vor mir und müsste laut Karte dann
eigentlich nur noch downhill bis nach Haukeliseter abfahren.
Ich schrecke plötzlich auf, als eine Gruppe von 5 oder 6
Schneeskootern mit ein paar Skifahrern im Schlepptau an mir vorbei
Richtung Hellevassbu saust. Die Fahrer tragen alle eine Rotkreuzbinde.
Nach einem Einsatz schaut es aber nicht aus. Es ist wohl eher
eine als Rettungsübung getarnte Wochenendtour (in Norwegen
dürfen Motorschlitten nur zu Rettungszwecken und zur Hüttenversorgung
etc. eingesetzt werden). Ich beende meine Pause. Es folgt zunächst
eine kleine Abfahrt und ein kräftiger Anstieg zum Mannevatn.
Ein paar Hütten liegen am Weg. Mir kommen 2 Schlittenhundegespanne
und ein paar Skiwanderer entgegen. Ein Schneescooter überholt
mich und bleibt dann stehen. Der Fahrer bietet mir eine Mitfahrt
bis nach Haukeliseter an. Ich lehne dankend ab. Ich habe nun
fast die ganze Hardanger Vidda durchquert und möchte die
letzten km auch noch by fair means schaffen. Es folgt der letzte
Anstieg, westlich am Vele Nup vorbei. Die Wolkendecke ist nun
fast auf Höhe der umliegenden Bergspitzen gesunken und die
Sicht wird recht diffus. Beim Anstieg kommen mir ein paar Skiwanderer
entgegen. Eine Frau beklagt sich, dass sie kaum noch irgendwelche
Geländekonturen erkennen kann. Ich grinse innerlich, denn
ich habe jetzt nur noch 3 km Abfahrt bis zum Haukeliseter vor
mir. Das Grinsen vergeht mir aber dann bei der Abfahrt recht
schnell. Die letzten km sind mit steilen Stufen und Zwischenanstiegen
garniert. Meine Pulka kippt wieder ständig um. Gegen Ende
hin und in Sichtweite des Haukeliseter wird die Abfahrt so steil,
dass ich lieber meine Skier abschnalle und mich zu Fuß
die letzten 200 Höhenmeter runterkämpfe. Als ich dann
unten in Haukeliseter (990 m Höhe) ankomme, setzt ein leichter
Schneeregen ein. Das Timing war perfekt. Die Wetterverschlechterung
hat sich nun eindeutig manifestiert. Ich melde mich an der Rezeption
an und dusche erst mal ausgiebig. Haukeliseter wirkt mit seiner
Touristenabfertigung ein wenig unpersönlich. Am nächsten
Tag nehme ich den Bus nach Bergen und von dort den Nachtzug zurück
nach Oslo.
Noch ein paar Worte zu meiner Ausrüstung:
Ich hatte Essen (gefriergetrocknete Nahrung) für eine Woche
und den DNT-Standardschlüssel mit. Auf den Hütten kann
man Proviant nachkaufen. Für den Tagesbedarf hatte ich eine
Thermoskanne mit 1 L Tee und Müsliriegel mit. Meine Biwakausrüstung
bestanden aus Isomatte, Kunstfaserschlafsack (bis 15 Grad Minus),
Schneeschaufel mit Alublatt (!), Biwaksack sowie ein kl. Topf
mit Gaskocher. Gaskocher und Kartuschengas hatte ich zuvor bei
winterlichen Biwaktouren in den Alpen getestet. Während
der Tour nutzte ich die 1 : 100.000 Karten Hardanger Vidda Ost
und West, die ausreichten, weil die Winterwege noch markiert
waren. GPS , Höhenmesseruhr und Kompass führte ich
zur Sicherheit mit. Daheim habe ich mich anhand von 1 : 50.000
Karten auf die Tour vorbereitet, da diese das Gelände und
die Gefälleverhältnisse besser darstellen und die Hütten
genauer eingetragen sind. Wenn man sich nicht sicher ist, ob
die Wintermarkierungen gesteckt sind (beim DNT nachfragen), sollte
man für den westlichen Teil der Hardanger Vidda auf jedem
Fall die 1 : 50.000 Karten mitnehmen. Der DNT-Skiwanderführer
"Pa Ski i Fjellet" ist ebenfalls sehr hilfreich. Die
Hüttenöffnungszeiten, Übersichtskarten und Angaben
zu den Wintermarkierungen können unter www.turistforeningen.no
eingesehen werden.
Meine Pulka hatte sich während der Tour bei richtiger
Bepackung (Schwerpunkt unten) bewährt und zeigte auch nach
der Tour keinen Verschleiß. Eine Bauanleitung gibt es unter
www.travelnotes.de. Abweichend von der Bauanleitung benutzte
ich allerdings ein Bambusgestänge. Den Schlitten konnte
ich während der Zuganreise an meinem Rucksack anschnallen.
Für alpines Gelände, wo die Hänge in Kehren begangen
werden müssen, ist die Pulka jedoch nicht tauglich. Ich
hätte ggf. die Pulka über kurze steile Hängen
hinweg am Rucksack angeschnallt tragen können.
Meine Fischer E 99 -Ski mit 75 mm Rottefella-Bindung bereiteten
mir keine Probleme. Bei der Bindung ist es aber wichtig, dass
man die Schraubverbindungen zum Ski mit Sekundenkleber zusätzlich
sichert, weil sich die Schrauben ansonsten rausdrehen können.
Meine Steigfelle hatte ich leider vor der Tour nicht imprägniert.
Sie stollten daher etwas an. Ich nahm während der Tour die
Ski zum Trocknen der Felle abends mit in die Hütte und rieb
die Felle am nächsten Morgen mit Kerzenwachs ein, was ein
wenig half. Ein kleines Erste-Hilfe-Set, Kerzen, Taschenlampe
und etwas Reparaturmaterial waren selbstverständlich auch
dabei.
Bei nachösterlichen Touren ist ein guter Sonnenschutz
(Brille, Hut, Creme) sehr wichtig. Angezogen war ich wie folgt:
Goretex-Jacke, leichte Fleece-Jacke, Sonnbrille, Mütze bzw.
Sonnenhut, lange Sport-Unterwäsche, Bergwanderhose, leichte
Unterziehsocken und dicke Wollsocken, Fingerhandschuhe und Skistiefel.
Im Rucksack waren noch mit dabei: Wechselunterwäsche und
-socken, eine leichte Fleecehose, ein leichter Fleecepulli, Goretex-Überhose,
Gamaschen, dicke Fausthandschuhe, Skibrille und Ersatzmütze.
Für die Hütten hatte ich noch Hüttenschuhe und
einen Hüttenschlafsack aus Seide im Rucksack.
Noch ein kleiner Tipp zur GPS-Navigation auf der Hardanger
Vidda: für die Eingabe der Hüttenstandorte ist am GPS-Gerät
das UTM-Kartengitter und das Kartendatum WGS 84 anzuwählen.
Ich habe die Hüttenstandorte aus den 1: 50.000 Karten in
das GPS übertragen, weil in diesen Karten die Hütten
präziser eingetragen sind (zuerst Ostwert, dann Nordwert,
die richtige UTM-Zone nicht vergessen). Das Herauslesen der Hüttenkoordinaten
und das Eintippen ins GPS müssen sehr sorgfältig geschehen.
Ich hatte das Garmin GPS 12 auf der Tour dabei. Das GPS war während
der Tour nur ein paar Mal am Tage kurz eingeschaltet, um den
aktuellen Standort zu überprüfen. Wenn die Karte gefaltet
in der Ortliebkartenhülle steckt, ist es nervig, anhand
der im GPS angezeigten Koordinaten, den Standort auf der Karte
zu bestimmen, weil die Kartenränder mit den Gitterzahlen
in der Regel nicht sichtbar sind. Es geht auch einfacher mit
der Goto-Funktion und einem Kartenkompass, wenn die Hüttenkoordinaten
im GPS abgespeichert sind: einfach mit Goto die Richtung und
die Luftlinienentfernung zur nächsten Hütte ermitteln
und die Richtung am Kompass einstellen. Dann die Zielmarke der
Kompassplatte an o.g. Hütte anlegen und den Kompass auf
der Karte drehen bis die Nordmarkierung der Kompassdose und Kartennord
übereinstimmen. Wenn dann am Lineal der Kompassplatte die
Luftlinienentfernung abgetragen wird, erhält man den aktuellen
Standort - ohne sich mit dem Kartengitter abzuplagen. Übrigens,
die magnetische Missweisung der Hardanger Vidda liegt derzeit
bei unter 1 Grad.
Regensburg, d. 7.5.02
Ralf Vallendar
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